Katholische Pfarrkirche St. Heinrich

Lage und Geschichte

Im Brouch"-Viertel der Stadt Esch/Alzette gelegen, spiegelt die St. Heinrich-Pfarrkirche sowohl in ihrer Lage als auch in ihrer Entstehungsgeschichte das schnelle Wachsen der Stadt seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wider. Dieses Wachsen gründet in der Eröffnung und in dem Ausbau der Eisenhüttenwerke im Süden des Großherzogtums Luxemburg. Sie haben auf bestimmende Weise die Industrialisierung des Landes und die damit verbundene gesellschaftliche Entwicklung eingeleitet. Die Ortschaft Esch, deren Bevölkerung rasch anstieg, wurde zur Metropole eines industriell geprägten geographischen Großraums, in dem auch Bedarf an neuen Kirchenbauten entstand.
In diesem Kontext situiert sich das Entstehen der St. Heinrich-Kirche. Teilweise umgeben von Arbeiterwohnungen, die im Gelsenkirchener Stil" errichtet wurden, entstand von 1922 bis 1923 die heutige Pfarrkirche auf dem Gelände des Eisenhüttenwerks der Terres-Rouges-Gesellschaft und auf deren Kosten. Die Grundsteinlegung fand am 31. Juli 1922 statt, die Konsekration des Kirchengebäudes am 28. Oktober 1923. Als Architekt füngierte H. Grass von der Hüttengesellschaft Terres-Rouges. Treibende Kraft im Entstehen des Bauwerks war Henri Coqueugnot, Generaldirektor der Hüttengesellschaft. Sein Patrozinium führt das Gotteshaus zurück auf Henri Schneider, den im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn von Eugene Schneider (Creusot), dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Terres-Rouges-Gesellschaft. Von Anfang an lagen Gottesdienst und Seelsorge in den Händen der Franziskaner aus Metz. Gleichzeitig zum Entstehen der Kirche und mit dieser baulich verbunden, errichteten sie ein Klostergebäude, in welches sie am 23. August 1923 einzogen. Erster Oberer (Guardian) war Pater Raphael Leguil (+1936) aus Kontz (Moselle). Ihrer Niederlassung, die einem Wunsch von Bischof Pierre Nommesch (1920-1935) entsprach, verdankt die Kirche bis auf den heutigen Tag die volkstümliche Bezeichnung  Pâtre-kiirch".
Am 30. September 1928 wurde das Gotteshaus zum Sitz einer bischöflichen Pfarrei erklärt, am 23. Dezember 1952 erfolgte ihre staatliche Anerkennung. P. Raphael Leguil wurde der erste Pfarrer. Der Bautradition des Franziskanerordens entsprechend verfügte die Kirche anfangs nur über einen schlichten Dachreiter über der Vierung. Erst 1935/1936 wurde dem Langhaus ein eigentlicher Turm mit Spitzhelm angefügt. Auf die damals noch junge Geschichte des Bauwerks und seine Verbundenheit mit dem Franziskanerorden weisen die beiden Turmstatuen des hl. Franz von Assisi (1182-1226) und des hl. Kaisers Heinrich II. (973-1024) hin, desgleichen auch das Franziskanerwappen im Tympanon des Hauptportals. Bis zum 5. Dezember 1959 lagen Leitung und Seelsorge der Pfarrei in den Händen der Franziskaner. Von jenem Datum an übernahm der Diözesanklerus die Pfarrei. Erster Pfarrer als Diözesanpriester wurde Eugene Kellner. Am 31. Januar 1962 übernahm die Stadt Esch das Kirchengebäude und die damit verbundene Baulast.

Baugeschichte

Die Escher St. Heinrich-Kirche gehört zu den jüngsten historistisch geprägten Kirchenbauten Luxemburgs. Bereits in der Planung ging es um das Entstehen einer Pfarrkirche, die gleichzeitig auch als Konventskirche für die franziskanische Niederlassung bestimmt war. Diese Zweckbestimmung erklärte im Baugefüge das Vorhandensein eines langgezogenen, vom Langhaus durch einen Triumphbogen abgesetzten Chorraums, der den Patres und Brüdern für die Verrichtung des Chorgebets diente. Inspiriert durch romanische Stilelemente, entspricht das historistische Bauwerk im Langhaus dem Typ einer Saalkirche mit leicht hervorspringenden Querflügeln, so dass der Grundriss durch die Form des Kreuzes gekennzeichnet ist.
Im Sinne der franziskanischen Frömmigkeit lag von Anfang an für die Raumgestaltung das Schwergewicht auf einer breitgefächerten und volkstümlichen Bildwelt, in welcher die Frömmigkeitsströmungen des späten 19. Jahrhunderts weiterleben. Diese Bildwelt manifestierte sich einerseits in den Fenstern, die die Werkstatt der Gebrüder Jean und Sylvere Linster aus Mondorf nach den Entwürfen des Malers Engel aus Rustroff/ Lothringen 1923 ausgeführt hatte. Die Bildthemen der figurativen Fensterflächen bezogen sich auf den Kirchenpatron Sankt Heinrich, die Arbeiterbevölkerung und den Franziskanerorden. Durch den Rückgriff auf die Gestaltungsprinzipien der klassischen Bleiverglasung wurde den Bildszenen möglichst wenig Farbe oder Schwarzlot aufgetragen, das Schwergewicht lag vielmehr auf hellen und farbigen Glasflächen, die Bleiruten markierten die Zeichnung. Andererseits war das Raumbild in Chor und Schiff geprägt von den Wandmalereien des Luxemburger Künstlers Nikolaus Brücher (1874-1957) aus Elvingen, die 1926/27 angebracht wurden. Sie erzählten aus dem Leben des hl. Franziskus und seines Ordens.
Eine Zäsur in der Geschichte des Innenraumes brachten die tiefgreifenden baulichen Veränderungen in den Jahren 1964-1966. Nach den Plänen des Escher Architekten Robert Van Hülle und unter Aufsicht von Willy Weigel entstand ein monumental wirkender, hell- und weisstrahlender Raum, der den Anforderungen des neuen Liturgieverständnisses des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprach. Die neue Raumgestaltung war namentlich auf das Entstehen einer um den Altarbereich von allen Richtungen her konzentrierten liturgischen Versammlung ausgerichtet.
Dieser Ausrichtung entsprechend wurde der vordere Triumphbogen abgetragen, um den früheren Vorchor stärker in das neue Raumgefüge einzubinden. Die im Vorchor vorhandenen Seitenarkaden wurden in vereinfachter Form neu errichtet, um dem Monumentalcharakter des Raumbildes besser zu entsprechen. Gleichzeitig wurden die Fenster der Chorrundung geschlossen. An die Stelle des bisherigen Rippengewölbes, das im Langhaus auf Wandpilastern ruhte und durch Gurtbögen eingeteilt war, trat eine zeltartig wirkende Holzdecke, die das Langhaus, den Vierungsbereich und das ehemalige Vorchor zusammenschließt. In der Mitte des kreuzförmigen Grundrisses entstand eine erhöhte Altarinsel als Sinnmitte des Raumes. Nach dem Wunsch von Bischof Leo Lommel (1956-1971), der regelmäßig an der Baustelle weilte, sollte die St. Heinrich- Kirche das erste Luxemburger Gotteshaus werden, in welchem der Altar in der Mitte der liturgischen Gemeinschaft errichtet ist. Diesem Anliegen entspricht auch das leichte Gefälle des Raumes von der Eingangszone zum Altarbezirk hin. In der Eingangszone wurde die Sängerempore entfernt, um die Weiträumigkeit nicht zu beeinträchtigen.
Durch die baulichen Veränderungen innerhalb der überkommenen Architektur konnte ein vereinfachtes, aber nun monumental wirkendes Raumbild gewonnen werden, das eindeutig durch die hellen und vereinheitlichten Wandflächen, die sich von der Holzdecke und dem dunkel gestalteten Bodenbelag absetzen, bestimmt wird. In der Raumkonzeption kommt den neu geschaffenen Fenstern ein wichtiger Stellenwert zu. Mit ihrer nichtfigurativen Gestaltung wurde der bekannte Trierer Künstler Reinhard Hess beauftragt, ihre Ausführung erfolgte in der Trierer Werkstatt Kaschenbach. Die Obergadenöffnungen sind durch hellgraue Bleiverglasung gezeichnet, während die unteren seitlichen Langhausfenster und die monumentalen Vierungsfenster in Betonglasstein frei konzipiert sind. Durch ihre kräftige Struktur und ihr reich entwickeltes Farbenspiel setzen diese Fenster sich von den hellen Wandflächen ab, ohne jedoch den Bezug zur Raumarchitektur zu verlieren oder sich zu verselbständigen. Die Fensterrosen in der Vierung, in Bleiverglasung ausgerührt, deuten auf der rechten Seite das Wasser an und weisen somit auf das Taufgeschehen hin, auf der linken Seite ist das Feuermotiv als Zeichen der Geistsendung dargestellt. Am 18. Mai 1969 nahm Bischof Leo Lommel die Konsekration des neuen Altars vor.